Das Freie Spiel

Freies Spiel

Die Kindheit ist ein geschützter Lebensabschnitt, in denen Kinder wichtige Kompetenzen erlernen, Interessen und Abneigungen sowie die eigene Persönlichkeit entwickeln. Das rasante Tempo, in dem Kinder sich in den ersten Lebensjahren weiterentwickeln führt bei den Erwachsenen häufig zu der Überzeugung, wir müssten die Entwicklung der Kinder unterstützen, in dem wir ihnen ausreichend Input geben, so dass die Kinder sich in ihren Interessen frei entfalten können. Die Sorge, sie könnten in dieser wichtigen Zeit des Lernens etwas grundlegendes in der Vorbereitung auf ihre Zukunft verpassen, ist stetige Begleitung vieler Eltern.

Doch wie wird die Zukunft aussehen? Welche Kompetenzen werden in der Zukunft nötig sein, wie werden zukünftige Berufsfelder aussehen und wie werden sich soziale Konstellationen gestalten?

Der Blick in die Zukunft verwehrt uns jegliche Planungssicherheit. Wir können Kinder nicht gezielt auf ihren Lebensalltag in der Zukunft vorbereiten, da diese sich, insbesondere seit dem digitalen Zeitalter, rasend schnell entwickelt und verändert. Wollen wir die Kinder gezielt vorbereiten, können wir höchstens raten, eine Sicherheit werden wir nie haben.

Bislang belächelte Kompetenzen treten in den Vordergrund

Bei all den Angeboten, welche neben der Kita noch in Anspruch genommen werden können, wird ein eng umschriebenes Bildungsziel angestrebt – sei es Ballett tanzen, Englisch lernen, oder ein Musikinstrument beherrschen. Dabei werden Kinder gezielt in dem angestrebten Bereich geschult, Verhaltensweisen und Wissen werden antrainiert, sichere Kompetenzen und Wissen in vorbestimmten Themenfeldern werden vermittelt. Doch die Unsicherheit darüber, wie sich die Zukunft gestalten wird erfordert ganz andere, längst in Vergessenheit geratene und meist belächelte Kompetenzen. Kreativität, Innovation, das selbstständige Entdecken und Entwickeln eigener Interessen, Erkennen von Zusammenhängen und Optionen ermöglichen es den Kindern, sich auf herausfordernde und unbekannte Situationen einzustellen und diese zu meistern. Wollen wir die Kinder auf die unsichere Zukunft vorbereiten, müssen wir ihnen Kompetenzen an die Hand geben, die sie dazu befähigen, selbstständig zu handeln, anspruchsvolle Situationen zu meistern und ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen zu erkennen und diese zu entwickeln.

Spielerisch die Welt entdecken

Wenn wir unsere Kinder in möglichst vielen Situationen fördern entspringt dies aus der guten Absicht heraus, sie bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten. Doch dabei vergessen wir, dass Kinder bereits von Geburt an mit allem für die Zukunft notwendigen Kompetenzen ausgestattet sind. Sie sind neugierig auf die Welt, sie eignen sich spielend alle Kompetenzen an, die sie in ihrem Alltag für nötig halten und die ihren Interessen und Bedürfnissen am besten entsprechen. Die Selbstbildungsfähigkeit von Kindern ist bereits von Geburt an stark ausgeprägt, im Spiel bereiten sich Kinder selbstständig auf ihre individuelle Zukunft vor. Das Freie Spielen mit offenen, nicht vorstrukturierten Materialien und Angeboten ermöglicht den Kindern eine nahezu unbegrenzte Vielfalt an Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten. Die Kinder stehen vor der komplexen Herausforderung, sich auf eine bislang unbekannte Situation einzulassen, die Materialien zu nutzen und ihnen eine Form zu geben. So nutzen Kinder beispielsweise beim Spielen mit Bauklötzen den gesamten Körper, nutzen ihre Fein- und Grobmotorik beim Greifen und Setzen der Bausteine, führen präzise Bewegungen aus, regen ihren Tastsinn an, machen Erfahrungen mit Geometrie, Physik und Architektur, erleben Kreativität, Innovation und das Suchen nach Lösungen beim Auftreten von Problemen – und das alles in lediglich einer spielenden Tätigkeit. Im Spiel mit anderen Kindern kommt die soziale Interaktion hinzu, die Kinder tauschen ihre Wünsche und Ideen aus, was voraussetzt dass sie sich im Voraus bereits damit auseinander setzten. Kompromisse werden gefunden und das Spiel wird gemeinsam weiter entwickelt. Eine scheinbar alltägliche Situation ist in der Lern- und Erfahrungswelt der Kinder eine komplexe, von vielfältigen Erfahrungen geprägte Lernsituation.

Ungewisse Zukunft als Chance wahrnehmen

Doch die Unsicherheit die die unbekannte Zukunft mit sich bringt, ist kein Grund sich um die optimale Förderung der Kinder zu sorgen. Wenn wir uns auf die mittlerweile scheinbar in Vergessenheit geratene pädagogische Praxis berufen, den Kindern und ihrer Fähigkeit, sich selbst das für sie nötige Wissen anzueignen, zu vertrauen, eröffnen sich uns vielfältige Möglichkeiten, der kommenden Zukunft mit Gelassenheit entgegenzublicken.

Den Tag der Kinder mit allerlei bildungsfördernden Angeboten vollzustopfen ist dabei lediglich hinderlich. Aus Angst, unsere Kinder könnten etwas verpassen, eine wichtige Kompetenz könnte vernachlässigt werden, bieten wir den Kindern zu jeder Gelegenheit Angebote, welche ihre kognitiven, sozialen, motorischen, etc. Kompetenzen fördern sollen. Wir geben den Kindern vor, welche Fähigkeiten sie später einmal benötigen, wir maßen uns an, zu wissen, was gut für das Kind sei. Wir lassen jedoch außer Acht, dass wir dabei lediglich unsere eigene Angst vor der unbekannten Zukunft auf das Kind projizieren. Wir vergessen dabei, dass das Kind selbst am besten weiß, was es für die Zukunft benötigt. Wir unterstützen die Kinder am besten, in dem wir dem Kind Zeit zum Aufwachsen geben – Zeit zum Spielen, Zeit die Welt zu entdecken und vor allem eins: Zeit zum Kind sein.

Gesellschaftliche Entwicklungen machen einen Fokuswechsel notwendig

Ich wurde einmal von einem Elternteil gefragt, wieso das Freie Spiel heute so wichtig zu sein scheint, während es in der eigenen Kindheit kaum Beachtung erhielt und wir dennoch alle zu kompetenten Erwachsenen herangewachsen sind. Die Antwort darauf geben uns die Eltern selbst, spätestens wenn es darum geht, einen Hortplatz oder Ähnliches für ihr Kind zu erhalten. Sätze wie „wir haben das früher nicht gebraucht“ sind dabei häufig zu hören und diese Aussagen sind korrekt. Nach der Schule wurde gespielt, auf dem Spielplatz, im Wald oder in einer Pfütze. Wir haben genug Gelegenheit erhalten uns die Welt spielend anzueignen. Über das Freie Spiel wurde nicht gesprochen, da es keine Notwendigkeit gab darüber zu sprechen. Doch die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt und mit ihr die Sorge um eine sorgenfreie Zukunft. Die Sorge kam schließlich bei unseren Kindern an und die Vorstellung von Förderung veränderte sich. Das Freie Spiel gerät nun wieder vermehrt in den pädagogischen Mittelpunkt und sorgt dafür, dass wir uns wieder besinnen und auf grundlegende Dinge konzentrieren. Jedes einzelne Kind wird Teil der Zukunft sein, mit all seinen Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen. Dafür müssen wir es jedoch schaffen loszulassen und das Kind Kind sein lassen. Die Zukunft ist unbekannt und unsicher, aber mit ein wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder, werden wir die Zukunft bewältigen können.

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