Spielzeugfreie Zeit

Spielzeugfreie Zeit

Der Alltag des Kindes ist geprägt von den unterschiedlichsten Spielsituationen. Kinder spielen mit gekauftem Spielzeug, geliehenem oder selbst gebasteltem. Sie beobachten andere Kinder in ihren Spielsituationen, imitieren diese Handlungen und*oder lassen sich von ihnen inspirieren. Kinder integrieren ihr Spiel in alle möglichen Handlungen, Alltagsgegenstände werden „zweckentfremdet“. Der sogenannte Trieb zum Spielen ist ständiger Begleiter der Kinder und kann für Erwachsene auch mal Verzweiflung oder Unverständnis auslösen. Die Intensität, mit der Kinder ihr Spiel betreiben, die Selbstverständlichkeit mit der Kinder ihr Spiel in den Alltag integrieren und ausgehend von der Tatsache, Kinder handeln intuitiv ihren Bedürfnissen entsprechend, ist Grund genug, das kindliche Spiel als wichtigen Bestandteil ihrer Entwicklung zu betrachten.

Spielzeug verhindert Spielen

Damit Kinder zu jeder Zeit das passende Spielzeug parat haben, sind Kinderzimmer häufig voll von Spielzeug, das Geschäft mit den bunten Autos, Puppen, etc. boomt. Spielzeug gibt es in allen Formen und Farben und aus jeglichem Material. Zu jeder Gelegenheit gibt es weiteres Spielzeug – zum Geburtstag, bei Besuch von Verwandten und Freund*innen, Besuch bei Ärzt*innen und Apotheken, als Werbegeschenk. Doch werden Kinder mit zu viel Spielzeug konfrontiert, verliert der Lernanteil – das Erkunden – am Spielen an Bedeutung. Vorgefertigtes Spielzeug dient häufig lediglich nur einem vorbestimmtem Zweck, es ist wenig Möglichkeit zur Gestaltung gegeben. Der Vorrat an Spielzeug, welches zu jeder Gelegenheit den gewünschten Effekt bringt nimmt weiter zu – die Frustrationstoleranz sowie die Fähigkeit mit unangenehmen oder langweiligen Situationen umzugehen, nimmt ab. Kinder lernen nicht mehr, den Alltag mit all seinen Möglichkeiten zu nutzen, da es für jede Situation das scheinbar passende Spielzeug gibt. Kinder erlernen dabei das erste Suchtverhalten.

Spielzeugfrei stärkt Alltagskompetenzen

In einem Projekt vor der Schließzeit ließen wir das Spielzeug der gesamten Kita verschwinden um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Gemeinsam mit den Kindern verabschiedeten wir uns für 4 Wochen von den Autos, Puppen, Bausteinen, Karten und vielem mehr. Wir verstauten die Gegenstände in jeder verfügbaren Ecke der Kita und waren erstaunt, wieviel sich in den vergangenen Jahren angehäuft hat. Wir stießen dabei auf alte Spieleschätze, die schon lange nicht mehr genutzt wurden. Alleine aus dieser Perspektive war das Projekt bereits ein Erfolg bevor es startete. Die Kinder waren erstaunt darüber, wieviel Möglichkeiten zu spielen sie jeden Tag um sich haben, sie erinnerten sich an vergangene Spielsituationen und kamen über ihr gemeinsames Spiel ins Gespräch. Sie lernten bereits beim Wegräumen das Spielzeug mit anderen Augen zu sehen.

Doch das Ziel des Projektes ist nicht bloß die Bedeutung des Spielzeuges zu reflektieren. Werden Kinder mit wenig bis keinem Spielzeug konfrontiert, suchen sie sich selbstständig Dinge mit denen sie spielen können. Sie entdecken alltägliche Dinge, lernen sie kennen und mit ihnen umzugehen. Kinder lernen hierbei wichtige Problemlösungskompetenzen. Kinder agieren miteinander und entdecken die Welt gemeinsam, soziale Kompetenzen werden gefördert. Je weniger das kindliche Spielen vorstrukturiert wird, desto mehr ist die Phantasie der Kinder gefragt. Doch auch die Selbstregulierung der Kinder ist dabei eine wichtige Kompetenz. Langeweile aushalten, Frustration überwinden und den Alltag selbstständig gestalten hilft den Kindern später auf unbekannte, möglicherweise frustrierende Situationen entsprechend reagieren zu können. Kinder lernen, ihre Zeit und ihre Umgebung sinnvoll zu nutzen.

Für alle eine Bereicherung

Das Projekt ist nach 4 Wochen nun beendet und es ist Zeit ein Fazit zu ziehen. Die auffälligste Beobachtung ist dabei jedoch keine große Überraschung – das Spielzeug wurde schnell durch alltägliche Gegenstände ersetzt, die Umgebung wurde unter neuen Gesichtspunkten neu erkundet. Kinder sind von Natur aus neugierig, und ihre Neugierde erhielt durch das Fehlen des allgegenwärtigen Spielzeuges neue Triebkraft. Ideen wurden gesammelt und abgesprochen, Möglichkeiten ausprobiert und eigene Projekte entwickelt.

Kinder, die zu Beginn Schwierigkeiten hatten sich auf die neue Umgebung einzustellen, wurden von der restlichen Gruppe stets mitgenommen. Das gemeinsame Spiel und die damit verbundenen sprachlichen und sozialen Kompetenzen wurden zentraler Bestandteil ihrer Spielaktivitäten. Ihr Interesse an alltäglichen Dingen wurde verstärkt und altbekannte Gegenstände bekamen neue Funktionen zugewiesen.

Das Team und die Eltern bekamen neue spannende Einblicke in die kindliche Erfahrungswelt. Sie mussten sich auf neue Situationen einstellen und gingen in den gemeinsamen Dialog mit den Kindern. Dabei entstanden spannende Dialoge, wir kamen ins philosophieren und entwickelten gemeinsam Lösungsvorschläge zur Gestaltung des neuen Alltags.

Eine nachhaltige Wirkung benötigt eine längere Projektphase

Wir planten von Beginn an eine Projektlaufzeit von lediglich 4 Wochen, da wir erst einmal die Wirkung auf das Team, die Eltern und insbesondere natürlich die Kinder kennen lernen wollten, wohlwissend dass eine nachhaltige Wirkung des Projektes erst nach längerer Zeit eintreten kann. Die anfängliche Aufregung über die Änderung des Alltäglichen ließ keine Möglichkeit der Langeweile zu. Diese Erfahrung ist jedoch nötig um zu lernen, wie solche Situationen selbstständig wieder beendet werden können. Nur so ist eine nachhaltige präventive Wirkung zu erzielen. Die Aktion Jugendschutz der Landesarbeitsstelle Bayern spricht von einer Projektlaufzeit von etwa 3 Monaten.

Wie sind eure Erfahrungen im Umgang mit dem nahezu grenzenlosen Zugang zu Spielzeug? Erlebt ihr es als Belastung oder als Segen, wie wichtig erachtet ihr die Erfahrung mit Langeweile in der Kindheit? Wir sind gespannt über eure Anregungen.

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